Kurz und knapp: 应德 Yīngdé

Mein chinesischer Name war bis jetzt eine relative Katastrophe. Wie allseits bekannt ist, werden in China ja Schriftzeichen und keine lateinischen Buchstaben verwendet. Dementsprechend werden ausländische Namen auch durch chinesische Schriftzeichen ausgedrückt, deren Aussprache 400-450 mögliche Silben hat, die jeweils 4 Töne haben (und einen neutralen Ton; werden durch die Striche über den Vokalen angegeben), was relativ wenig ist. Die Anzahl der möglichen Aussprachen sind also begrenzt, z.B. enden alle möglichen Silben auf einen Vokal, auf „n“, auf „ng“ oder auf „r“.Anfänglich war ich 英国 Yīngguó = England (英 = Held, mutig, Blüte, England; 国 = Land). Deutschland ist übrigens das Land der Tugend, Frankreich das Land des Gesetzes, die USA das schöne Land und Japan der Ursprung der Sonne. Manche Namen machen aber nicht viel Sinn wie etwa Malaysia: 马来西亚 Mǎláixīyà (= Pferd kommt nach Westasian)

Später dann nannte ich mich meistens 英果 Yīngguǒ (果 = Frucht, Ergebnis) – ein Name, den mir meine erste Chinesischlehrerin in Hangzhou eher halbherzig gab. Ich finde, der Name klingt eher weiblich, und außerdem fragen alle Leute dann aufgrund der ähnlichen Aussprache immer zuerst, ob ich nicht doch England heiße. Auf meinem Studentenausweis in Hangzhou stand aber 迪特马 Dítèmǎ (迪 = erleuchten; 特 = besonders; 马 = Pferd) nach meinem zweiten Vornamen Dietmar. Dieser Name hat wirklich keine sinnvolle Bedeutung.

Mein Name klingt außerdem ähnlich wie 因果 Yīnguǒ (因 = Grund, Ursache; 果 = Frucht, Ergebnis), was die Bedeutung Ursache und Wirkung/Karma hat. Zwischendurch dachte ich auch über den Namen 英涛 Yīngtāo (涛 = (Brandungs-)Welle) nach.

Seit einigen Wochen nenne ich mich aber 应德 Yīngdé (应 = sollen, antworten; 德 = Tugend, Deutschland). Ähnlich klingende Wörter haben auch nette Bedeutungen: 应得 yīngdé = verdienen, zustehend; 赢得 yíngdé = gewinnen; und naja 英德 yīngdé = englisch-deutsche Beziehungen.

Somit wäre 应 dann praktisch mein Nachname, da im Chinesischen der Nachname vor den Vornamen kommt und in 99% eine Silbe hat (der Vorname hat oft eine oder zwei Silben). Übrigens gibt es jeweils etwa 90 Millionen Menschen mit den Nachnamen 王 wáng (= König), 张 zhāng (öffnen, Zähleinheitswort für flache Gegenstände) und 李 lǐ (Pflaume). Es gibt eine Liste aus 100 alten Namen, so nennt man auch die „Leute von der Straße“ die „Hundert alten Nachnamen“. Die Bedeutung des Nachnamens ist aber unwichtig, es geht praktisch nur um die Bedeutung des Vornamens. In meinem Wörterbuch stand, dass 应 mit der alternativen Aussprache yìng ein Nachname wäre und nicht als yīng. Eine Han-chinesische Freundin mit dem gleichen Nachnamen erklärte mir aber, dass die erste Aussprache nur für Minderheiten gelte. Wenn aber ein Han-Chinese diesen Nachnamen trägt, dann wäre es die letzte Aussprache. Nun frage ich mich, ob ich als Deutscher einer Minderheit in China angehöre. Natürlich tue ich das, allerdings sind ja in der offiziellen Liste nur 55 anerkannt, und in der sind die Deutschen nicht aufgelistet. Wie auch immer, ich nutze für mich mal die Han-Chinesen-Aussprache.

Goethe hat übrigens den sehr passenden Namen 歌德 Gēdé (歌 = Lied; 德 = Tugend, Deutschland).

Ich mache mir wahrscheinlich zu viele Gedanken über den Namen, aber ich will mich ja nicht aus Versehen gebratene Nudel nennen ;-)